Das Buch Obsidian von Jennifer L. Armentrout
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Rezension | Obsidian – das Paradebeispiel für toxische Beziehungen und Klischees in der Young-Adult-Literatur [SPOILER]

Die Obsidian-Reihe und ich werden in diesem Leben keine Freunde mehr. Ich weiß, viele Leserinnen lieben das Buch und vergöttern Jennifer L. Armentrout. Ich kann leider weder mit ihren Themen noch mit der sprachlichen Ausgestaltung der Bücher etwas anfangen. Aber worum geht es eigentlich?

„Obsidian“ ist der erste Band einer fünfteiligen, bereits abgeschlossenen Reihe. Da die Bücher eingeschlagen sind wie eine Bombe und es eine richtige Fangemeinde in Deutschland gibt, haben wir mit unserem Buchclub entschieden, den ersten Band gemeinsam zu lesen. Zuerst einmal klingt die Story auch wirklich vielversprechend: die junge Buchbloggerin Katy zieht mit ihrer Mutter in eine neue Stadt und hat (ganz klassisch) anfangs Probleme, neue Kontakte zu knüpfen. Ihre nette Nachbarin erbarmt sich und begrüßt sie freundlich in der Nachbarschaft. Nur mit dem Bruder der neuen Freundin scheint etwas nicht zu stimmen. Er verhält sich komisch und schließlich wird Katy vor der Bibliothek von einem Mann angegriffen… So weit, so gut. Die Geschichte könnte Potenzial haben.

Das Buch Obsidian von Jennifer L Armentrout. Foto: Lilli/geek's Antiques

Falsch gedacht. Alle Fans der Reihen sollten an dieser Stelle nicht mehr weiterlesen. Auch diejenigen, die nicht gespoilert werden wollen, sollten spätestens nach diesem Abschnitt aufhören zu lesen, da es im weiteren Verlauf des Artikels ganz klar um die Handlung geht (SPOILERWARNUNG!).

Ab wann ist es ein Plagiat?

Die ganze Story von „Obsidian“ ist eine wirklich abartig romantische und schrecklich toxische Kopie von „Twilight“. Wer die „Biss“-Reihe also schon für kitschig hält, sollte „Obsidian“ besser gar nicht erst anfassen. Die Protagonistin ist naiv, dämlich und ein absolut unselbstständiges Dummerchen, das sich Hals über Kopf in den Jungen verliebt, der sie beleidigt, abweist, hintergeht und ausnutzt.

Aber noch einmal zurück zum Anfang: Katy zieht mit ihrer alleinerziehenden Mutter aus dem sehr sonnigen Florida nach West Virginia. Kommt das irgendwie bekannt vor? Richtig, in Twilight zieht die junge Bella zu ihrem alleinlebenden Vater vom sehr sonnigen Arizona nach Washington. Könnte aber natürlich noch ein Zufall sein, viele Menschen mögen die Sonne ja nicht und ziehen manchmal um. Weiter also im Text: Katy ist in sich gekehrt und findet in der neuen Stadt nur schwer Anschluss. Auch das schreit schon Klischee, ist aber noch lange keine billige Kopie von Twilight. Oder doch? Bella hat zwar auch Probleme, auf Menschen zuzugehen, aber immerhin gibt es eine nette Wendung in der Story. Die Twilight-Bella trifft dann nämlich auf einen überaus attraktiven, aber undurchschaubaren Jungen in ihrem Alter, der eine etwas durchgeknallte liebenswürdige Schwester namens Alice hat. Bella und Alice werden Freunde. Würde ja auffallen, wenn jemand genau diesen Handlungsverlauf einfach so abschreiben würde, oder? Denkste! Genau das passiert auch in „Obsidian“. Katy freundet sich glücklicherweise mit der hübschen, coolen Nachbarin Dee an, die einen – Überraschung – sehr attraktiven, aber undurchschaubaren Bruder hat.

Der Buchrücken des Buches mit dem Schriftzug Obsidian - Schattendunkel. Foto: Lilli/geek's Antiques

Aber auch das KÖNNTE ja noch ein blöder Zufall sein. Wie geht es also weiter? Die Twilight-Bella ist sehr schusselig und gerät des Öfteren in brenzlige Situationen, aus denen sie der attraktive junge Mann rettet. Er scheint fast unmenschlich stark zu sein und Twilight-Bella fühlt sich von seiner kühlen (kleiner Wortwitz!) abweisenden Art ganz angezogen. Parallel dazu ist Obsidian-Katy auch sehr tollpatschig. Ein Glück, dass der attraktive, unmenschlich starke junge Mann für Katy da ist, um sie zu retten. Auch Obsidian-Katy ist scheinbar genauso dämlich wie Twilight-Bella und steht total auf die abweisende, arschige Art ihres „Retters“. Wem das noch nicht genug Parallelen sind, die eher auf Abschreiben als auf „bloßen Zufall“ deuten, bekommt hier noch ein paar weitere Gemeinsamkeiten serviert.

Ab wann wird die Beziehung toxisch?

Obsidian-Katy und Twilight-Bella schwärmen in einer Tour vom jungen attraktiven Mann. Allerdings behaupten sie dann auch immer wieder ihn eigentlich zu hassen. Aber den perfekten Körper hat er natürlich trotzdem. Aber wir hassen ihn. Aber wir lieben ihn. Aber wir hassen ihn. Und so weiter, und so fort. Und das Beste: als Obsidian-Katy und Twilight-Bella dann endlich versuchen, sich dem attraktiven Unnahbaren auch mal zu nähern, ist dieser abweisend, beleidigend und unfreundlich. Wir lieben ihn aber natürlich trotzdem. Oder hassen ihn, je nachdem.

Und dann? Nach ziemlich viel sinnfreiem Hin und Her passiert endlich etwas. Hier könnte man sich doch eine etwas abweichende Story ausdenken, oder? Nein. Obsidian-Katy und Twilight-Bella werden von einer bösen, übernatürlichen Kreatur angegriffen und verletzt. Der Retter in der Not? Natürlich das attraktive Arschloch, das wir lieben und hassen. Habe ich erwähnt, dass er sehr attraktiv ist? Er konnte nicht anders und musste sie retten.

Das Buch Obsidian zusammen mit einer Kamera, einem Notizbuch und einer Ledertasche. Foto: Lilli/geek's Antiques

Anschließend fühlt sich das Arschloch doch irgendwie schuldig, was natürlich dazu führt, das Twilight-Bella und Obsidian-Katy sich noch tiefer in den Sumpf ungesunder Gefühle begeben. Die Parallelen gipfeln letztendlich darin, dass enthüllt wird, was Twilight-Arschloch und Obsidian-Arschloch in Wirklichkeit sind. Denn (für die, die es bis hierhin noch nicht gemerkt haben: SPOILER!) das Arschloch ist gar kein Mensch. Im Falle von Twilight-Bella ist der attraktive Typ ein glitzernder Vampir, der in der Sonne leuchtet. Bei Obsidian-Katy überspringen wir den Zwischenschritt einfach: der Typ leuchtet nicht nur, er ist einfach LICHT. Genauer gesagt ein Licht-Alien. Originell, nicht wahr?

Ab wann wird aus Plotholes ein fehlender Plot?

Neben der billigen Kopie der Story strotzt Obsidian (im Gegensatz zu „Twilight“) nur so vor Plotholes. Wobei sich hier die Frage stellt, ab wann aus Lücken Leere wird. Die gesamte Handlung von „Obsidian“ dreht sich nämlich nach der noch recht angenehmen Einleitung ausschließlich um das dämliche Geschnulze von Katy. Sie lässt sich wie ein Spielball benutzen, reagiert nur statt auch mal selbst zu agieren und lässt sich in ihrer Stimmungslage eigentlich nur von ihrem attraktiven, aber arschigen Angebeteten leiten. Wirft er sie weg, fällt sie in ein tiefes emotionales Loch. Ist er nett zu ihr, scheint die Sonne gleich zehn Mal heller als zuvor – naja gut, er ist ja auch ein Licht-Alien. Die Einführung der „neuen Freundin Dee“, die ja immerhin auch die Schwester des hübschen Arschlochs ist, hat für den weiteren Verlauf der Story eigentlich keinen weiteren Zweck, außer den losen Kontakt zwischen Katy und dem Mann ihres Verderbens zu halten. Von Charakterentwicklungen, Freundschaften oder anderweitigen zwischenmenschlichen Beziehungen abseits der toxischen Vergötterung eines Aliens fehlt in „Obsidian“ leider jede Spur.

Wäre das Buch nicht Teil des Buchclubs gewesen, hätte ich es abgebrochen. So haben wir es zwar alle bis zu Ende gelesen, waren aber (bis auf eine Ausnahme, die auch sofort Band 2 gekauft hat) mehr als enttäuscht.

Das Buch bekommt eine Bewertung von 1 von 5 Leseeulen. Grafik: Lilli/geek's Antiques

Literaturverweis:
Armentrout, Jennifer L. (2014): Obsidian – Schattendunkel. Hamburg: Carlsen

11 Kommentare

  • Uta

    Herrlich! Genau diese Gedanken hatte ich beim Lesen auch. Es hat mich regelrecht aggressiv gemacht. Danke für diese zutreffende Rezension!

  • Lilli

    Vielen Dank, Uta! Schön, dass es auch anderen so ging 😉 Geschmäcker sind zwar verschieden, aber trotzdem wundert es mich, dass das Buch bzw. die ganze Reihe so viele Fans hat und nur wenig/keine Kritik einstecken musste. Und das, obwohl es wirklich genügend kritikwürdige Passagen gibt!

  • Jana

    Mir ging es genau gleich wie dir! Ich kann wirklich überhaupt gar nicht nachvollziehen, warum das Buch so ein Hit wurde. Die ganze Hanldung ist eigentlich genauso wie in Twillight, allein die Schlussszene, als Katy sich aufopfert und den Lockvogel für den Bösen spielt. Die ganze Geschichte hat man schon mal genau so erzählt bekommen, weswegen ich beim Lesen eigentlich ständig die Augen verdreht habe.

  • Lilli

    Hi Jana! Danke dir, bin froh, dass es auch anderen so ging 😀 Das mit dem Ende stimmt absolut, ich wäre wahrscheinlich noch nichtmal bis dorthin gekommen mit dem Lesen, wenn wir es nicht im Buchclub gelesen hätten… Und ich frage mich auch ernsthaft, was in den restlichen Büchern noch verarbeitet wurde?! Was soll da noch passieren? Oder braucht Katy jetzt Jahre, um zu verstehen, dass Daemon seinem Namen alle Ehre macht?

  • Patricia Mercedes Wolf

    Beste Rezension seit langem 😀

    Super toll geschrieben musste so lachen 😀 bin absolut der selben Meinung finde die Story trozdem süss auch wenn man schon genau weiss wie es laufen wird.

    Trozdem: Danke für diese Zusammenfassung 😀 Mega Mega guut 😀

  • Lilli

    Vielen, vielen Dank! 😊 Ich mochte Twilight zum Beispiel auch, aber manchmal muss man beim Lesen beider Bücher echt hart mit den Augen rollen 😂

  • Stefan Vlcsek

    Hallo!
    Schön, wenn man jemanden findet, der ähnlich denkt. Jedes Buch, das seine Fans findet, hat, an und für sich, eine Daseinsberechtigung – ganz einfach, weil es doch recht viele Menschen unterhaltet.
    Allerdings fragt man sich bei manchen Büchern: „Echt jetzt? Das ist wirklich das Beste, was nach Ideenfindung, Schreiben, Korrekturlesen, Verbesserungen, Testlesern, Lektorat, usw. herausgekommen ist?“
    Für mich haben Bücher oder Geschichten drei Ebenen:

    Die Inhaltliche
    Die Erzählerische
    Die Sprachliche

    Der Inhalt an sich – also die Botschaft, oder das Leitthema – kann eigentlich recht banal sein. Sollte auch nicht all zu kompliziert sein. Ich habe mal wo gelesen, dass, wenn du den Inhalt deines Buches nicht mit einem Satz beschreiben kannst, es zu kompliziert ist. Erfolgreiche Bücher, die auch über Jahrzehnte beliebt sind (also zeitlos) haben einen fast immer gültigen, recht einfach Inhalt. Gefährlich, und nicht nur langweilig oder verwirrend, wird es dann, wenn Werte vermittelt werden, die recht fragwürdig sind. Mir fallen leider viele Autoren ein, die ihre politischen, moralischen oder gesellschaftlichen (teils fragwürdigen) Ansichten in ihre Bücher verpacken.
    Die Erzählung ist etwas, was eine gute Autorin/einen guten Autor von einer/einem Mittelmäßigen unterscheidet. Es ist die Art, wie die Geschichte präsentiert wird, das Äquivalent zum Filmschnitt oder der Kameraeinstellung – Rückblenden, verschiedene Sichtweisen, usw. Ist das gut, kann man bei Inhalt viel verzeihen. Viele Bestseller wären keine geworden (und würde man heute nicht mehr lesen) wenn nur die Inhalte und nicht die Erzählweise gut gewesen wäre.
    Und dann kommt noch die Sprache: zugegeben, gerade bei fremdsprachigen Büchern, die ins Deutsche übersetzt werden, steht und fällt alles mit der Übersetzung. Aber selbst eine gute Übersetzung kann eine schlechte Sprache nicht retten. Und eine schlechte Übersetzung kann nicht all zu viel ruinieren.
    Ich bin über die Leseprobe von „Obsidian“ nicht hinausgekommen, NOCH war es mir nicht wert, dass Buch zu kaufen, um es ganz zu lesen. Was ich aber auf den ersten Seite präsentiert bekommen habe, war eine galoppierende Erzählweise in einer Sprache, die für eine/einen Fünfzehnjährige/n ganz okay gewesen wäre. Es scheint, als wollte die Autorin gleich mit der Handlung anfangen (was an sich gut ist), aber es fehlt ein bisschen der Moment der Spannung – die Spannung durch alltägliche Situationen in dieser Kleinstadt ohne Briefkasten. Man hätte mehr daraus machen können. Und ja, der Inhalt … ja, der ist halt auch da, aber er steht auf wackeligen Beinen und das sie sich in ihn verliebt, bemerkt man gleich am Anfang, und erzeugt eigentlich nur ein müdes Gähnen – Spannungsbogen sucht man vergebens. Und wenn es tatsächlich analog „Twilight“ weitergeht, ist die Botschaft der unterwürfigen Frau gegenüber des starken Mannes (egal ob Alien, Vampir, oder sonst was) sehr fragwürdig und ganz und gar nicht zeitgemäß. Es vermittelt: „je stärker der Mann, desto schwächer die Frau“, was nicht stimmt. Man sehe sich große Persönlichkeiten der heutigen Zeit an und wird feststellen, das wirklich große Menschen (egal ob Mann oder Frau) meistens ebenso starke Partner haben – oder eben gar keine. Und: egal ob der Typ ein Vampir, ein Alien, oder ein Werwolf ist – er hat dich nicht herum zu kommandieren, die Vorschriften zu machen, dir nachzustellen oder dich einzusperren. Was wäre wohl aus Edward und Bella geworden, wenn sich Bella einfach nichts von ihm gefallen lassen hätte? Ich hab da jetzt so einen Tagtraum vor mir: von Bella mit einem blutigen Pfahl in Kreuzform in der Hand und eine Knoblauchkette um den Hals – „No more shine for you, Edward!“ – aber ich schweife ab…
    Toxische Beziehungen sind gefährlich. Und die Vermittlung, das Mädchen mit sich alles machen lassen dürfen, wenn der Junge nur gut genug aussieht (oder was ganz, ganz besonderes ist) erzeugt in den Köpfen im schlimmsten Fall ein falsches Weltbild – im besten Fall erzeugt es einen Handlungsverlauf, der unrealistischer nicht sein könnte.
    Viele Fans solcher Bücher möchten vielleicht jetzt laut aufschreien und rufen: „Aber das ist doch klar, dass sie sich in ihn verliebt. Er ist ja ein Alien (Vampir, Werwolf, usw.), da muss sie sich in ihn verlieben. Außerdem, bei einem Fantasy-/Science-Fiction-Roman ist doch eh alles ein bisschen unrealistisch, da kann doch auch das ein bisschen unrealistisch sein.“
    NEIN! Kann es eben nicht – das ist zumindest meine Meinung. Wenn man sich wirklich gute Romane (oder Filme) mit phantastischen Elementen ansieht, dann haben sie eine goldene Regel gemeinsam: „Erschaffe ein phantastisches Element (Vampire, Werwölfe, Untote, Aliens, usw.), aber stelle den Rest so realistische wie nur irgendwie möglich dar.“ Ich habe zu wenig von dem Buch gelesen, daher kann ich es nicht beurteilen, aber das, was ich gelesen habe, war ein sprachlich minderwertig durchgetackte Berichterstattung von alltäglichen Situationen, die anscheinend nur als Lückenfüller von eher unrealistischen Dialogen dienten.
    Wenn mal jemand lesen will, wie man mit alltäglichen Dingen Spannung erzeugen kann, ohne dass der Leser gelangweilt wird, kann ich Stephen King empfehlen („Schlaflos“, „Das Monstrum“ oder „Carrie“). Auch er kommt mit der Handlung gleich zur Sache, macht es aber erzählerisch eleganter und ist sprachlich sowieso genial (meine persönliche Meinung).
    Fazit: bis jetzt bin ich nicht über die Leseprobe hinausgekommen, aber – da ich selber schreibe (bis jetzt noch ohne Veröffentlichung, sollte mich jemand Googlen) – hat man mir geraten, dass ich gute wie schlechte Bücher lesen sollte. Vielleicht überwinde ich mich einmal und opfere meine Zeit mit einem Buch, das – sagen wir es vielleicht so – nicht meine persönlichen Ansprüche erfüllt.
    Liebe Grüße
    Stefan

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