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Geek im Glück | Weniger ist mehr – Vormarsch der Besitzlosen?

“Weniger ist mehr!” Nach diesem Grundsatz leben auch im Jahr 2018 immer mehr Menschen. Minimalismus ist von einem religiösen Habitus zu einem salonfähigen Trend geworden. Wir befinden uns in einer Phase des beispiellosen Wohlstandes, der uns so viele Freiheiten ermöglicht wie noch nie zuvor. Und gleichzeitig schnürt uns die Freiheit die Luft ab. Viel Besitz kann belasten, uns den Überblick verlieren lassen und uns so sehr in Anspruch nehmen, dass wir gar vergessen zu leben. Die Journalistin Katrin Hummel (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung) widmet sich in ihrem Artikel “Nichts mehr zu verlieren” dem Vormarsch des minimalistischen Lebensstils und portraitiert Menschen, die sich der Besitzlosigkeit verschrieben haben. Doch ist der Minimalismus wirklich zeitgemäß? Könnte ein jeder so leben und ist das überhaupt erstrebenswert?

Der Minimalismus bezeichnet einen einfachen Lebensstil, der sich als Gegenbewegung zum postmodernen Materialismus sieht. Weitere geläufige Bezeichnungen sind beispielsweise Simple Living oder Downshifting – sie alle beschreiben einen bewussten Konsumverzicht, mit dem oft eine Loslösung von Alltagszwängen einhergeht. Doch entgegen der landläufigen Meinung ist `der Minimalist´ keine einheitliche Erscheinung, sondern eher eine sehr heterogene Gruppe von Menschen, die in verschiedenstem Ausmaß auf Konsum verzichten oder diesen einschränken wollen – sei es auf Dauer oder nur für eine kurze Zeit, als Aussteiger oder lediglich als aufmerksamer Verbraucher. Was sie eint, ist das Ziel, ein selbstbestimmteres und freieres Leben zu führen.

Eine kurze Ideengeschichte des Minimalismus 

Für viele Religionen und religiöse Gemeinschaften ist die Einfachheit oft der einzige Weg zur gänzlichen Erleuchtung. Sowohl im Christentum als auch im Hinduismus und Buddhismus spielt die Ablehnung und Aufgabe von Besitztum eine zentrale Rolle in der Erfüllung der religiösen Pflicht. Christen leben in Klostergemeinschaften ohne persönlichen Besitz, die einzige Habe ist oft nur die Kleidung und die Heilige Schrift. Die gerade andauernde Fastenzeit vor dem christlichen Osterfest ist nichts anderes als ein Verzicht zu spirituellen Zwecken. Buddhisten und Hinduisten üben Askese, um das leidhafte Dasein zu überwinden und zu einer befreienden Einsicht zu gelangen. Und auch jenseits der Religionen haben sich schon früh philosophische Gruppierungen wie die antiken Stoiker oder der Gelehrte Platon und seine Schüler der Besitzlosigkeit verschrieben. Das Gedankengut des Minimalen hat sich bis in die Moderne gerettet.

Moderne Kritik am Materialismus

Im Gegensatz zum Nihilismus, der ganz allgemein eine objektive Weltordnung verneint und in dem das Individuum seinen Trieben grenzenlosen Lauf lassen kann, ist der moderne Minimalismus fest in der gesellschaftlichen Ordnung verankert und versucht diese lediglich durch seine Konsumkritik zu optimieren. Heutige religiöse Vertreter des Minimalismus sind beispielsweise die täuferisch-protestantischen Amischen: sie lehnen die Gesellschaftsordnung nicht ab, sondern betonen einen selbstlosen, demütigen Lebenswandel mit wenig oder keinem materiellen Besitz innerhalb einer festen Struktur. So sollen die Mitglieder im Verzicht die Seelenruhe erlernen und zur religiösen Weisheit finden. Und nach und nach scheint der Minimalismus sogar zur einer spirituellen Leitkultur einer ganzen Generation zu werden. Das eigene Verhalten wird hinsichtlich Konsum und Besitztum auf seine Sinnhaftigkeit und Notwendigkeit hinterfragt, sozialer Status und Prestige werden als hinderlich und unbedeutend betrachtet und in der schnelllebigen, von Reizen überfluteten Welt spielen Freiheit und Freizeit eine immer größer werdende Rolle.

Der Minimalismus wird massentauglich

In unserer modernen Welt, in der die stete Furcht umgeht, etwas zu verpassen oder zu verlieren, kann der Verzicht einen Weg aus der Angstspirale bedeuten. Alte wie junge Menschen belegen sich selbst mit Verboten, Einschränkungen und Vorgaben. Und das alles auf der Suche nach dem großen Glück, welches frühere Generationen noch gerade im Besitztum zu finden glaubten. Der Minimalismus wird massentauglich. “Mein Haus, mein Auto, mein Boot…”, all diese Statussymbole verlieren an Bedeutung – “Schau mal, was ich alles NICHT habe!” ist nun angesagt.

In nahezu jeder gut sortierten Buchhandlung stehen dicht an dicht Bücher mit Titeln wie “Simplify your life” (W.T. Küstenmacher), “Weniger besitzen. Mehr leben” (P. Mester) oder “Ich kauf nix!” (N. Kaller). Auch das `Decluttering´, also das Aufräumen im Haus und in uns selbst, ist ein Trend, der den Minimalismus seit einigen Jahren begleitet. Auf fast jedem Blog wird das Thema diskutiert; jeder will zeigen, wie wenig er hat und Reiseblogger liefern sich (online und offline) Battles, wer mit weniger Gepäck die Welt bereisen kann und welches Teil die minimalistische Reisetasche dieses Mal verlassen darf. Bleibt die Frage, ob dieser Trend der richtige Weg für unsere Gesellschaft sein kann.

Ist weniger wirklich immer mehr?

Menschen brüsten sich mit Verzicht und propagieren dabei einen Lebenstil, der von der wirtschaftlichen Leistung und dem Materialismus anderer lebt, wie es beispielsweise bei den sogenannten digitalen Nomaden der Fall ist. Sie leben größtenteils von Werbeeinnahmen & Werbekooperationen (affiliate marketing) mit namhaften Unternehmen und somit dem Konsum anderer. Ein geradezu absurder Gedanke im Hinblick auf die ursprüngliche Philosophie hinter dem Minimalismus.

Der Spruch “Money makes the world go round” hat einen wahren Kern, denn digitales Nomadentum und die Freiheit überall auf der Welt leben und arbeiten zu können und mit wenig Besitz auszukommen wird erst durch das Streben Anderer nach mehr ermöglicht. Menschen, die mit nichts leben, profitieren in ihrem scheinbar freien und modernen Lebensmodell nur vom Fortschrittswillen und materiellen Streben der Mehrheitsgesellschaft. Moderne Minimalisten fröhnen so dem Luxus des Nicht-Besitzens auf Kosten der Gesellschaft, die ihnen die wenigen benötigten Artikel zur Verfügung stellen muss. Die Idee wird zu einem fragwürdigen Trend für besitzverwöhnte Aussteiger einer Konsumgesellschaft; eine Farce angesichts des weltweiten Mangels an lebensnotwendigen Ressourcen.

Schon der Buddhismus rät sowohl von selbstzerstörerischer Askese als auch von ungezügeltem Hedonismus ab. Der gemäßigte Mittelweg jenseits von jeglichem Radikalismus soll eingeschlagen werden. Und leider ist ein völliger Verzicht für viele Menschen auch schlichtweg unmöglich. Sei es, weil in einer Familie die Kinder versorgt werden müssen oder weil eine Krankheit und die damit verbundene Abhängigkeit von Medikamenten und medizinischen Geräten die Besitzlosigkeit unvereinbar mit dem eigenen Leben werden lässt. Ist weniger also wirklich immer mehr?

Erinnerungen und Gefühle sind gut und wichtig und sollten doch auch gerne mit Gegenständen verknüpft werden, die man im wahrsten Sinne des Wortes auch an seine Kinder weitergeben kann. Materialismus muss also nicht in jedem Fall eine Einschränkung und etwas Schlechtes bedeuten. Ohne jeglichen Besitz und ohne ideellen oder `wertvollen Konsum´ verfiele die menschliche Gesellschaft in eine totale Sinnentleerung, die dem zerstörerischen Nihilismus doch gefährlich nahe kommen würde.

Es ist gut wenig(er) zu haben, um damit anderen Menschen etwas Besitz zu ermöglichen und sich selbst nicht so wichtig zu nehmen. Und einige Ansätze des Minimalismus lassen sich problemlos in den Alltag integrieren. Brauchen wir wirklich mehr Kleidung, als wir in einen Reisekoffer packen könnten? Müssen wir PC, Laptop, Netbook, Fernseher, eBook-Reader und dazu 3 Spielekonsolen besitzen? Muss es alle 2 Jahre ein neues Smartphone sein? Bedenkt man Ressourcenknappheit und klimaschädliche Massenproduktion sowie den exzessiven Plastikverbrauch für moderne Wegwerfobjekte sollte man sein Konsumverhalten schon einmal kritisch hinterfragen. Doch ein asketischer Verzicht muss und kann dabei nicht der einzige Weg sein.

Literaturverweis:
Hummel, Katrin (2016): Minimalismus. Nichts mehr zu verlieren. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. Permalink: http://www.faz.net/-hrx-8by8h (zuletzt aufgerufen am 07.02.2018)

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