Bücher,  Rezensionen

Rezension | Matthias A.K. Zimmermann – KRYONIUM Die Experimente der Erinnerung

Rezensionsexemplar // Was haben eine Märchenwelt und das Binärsystem gemeinsam? Wer jetzt spontan mit „Nichts“ antworten würde, sollte möglicherweise einmal einen Blick in „KRYONIUM – die Experimente der Erinnerung“ wagen. KRYONIUM ist ein kluges Buch voller Märchen, Rätsel und Virtualität. Man muss allerdings Zeit & Offenheit für die gedanklichen Experimente mitbringen, denn der Autor Matthias A.K. Zimmermann macht es einem anfangs nicht leicht, sich in seinen Gedankenspielen zurecht zu finden. Doch wer den Sprung wagt, wird mit einer gelungenen nachdenklichen Geschichte entlohnt. 

Amnesie, Monotonie und das Binärsystem

Das Buch ist in drei etwa gleich lange Abschnitte unterteilt, die jeweils in unterschiedlichen „Umgebungen“ spielen:

Im ersten Teil der Geschichte begegnen wir dem unbekannten Erzähler, der sich an einem nicht näher definierten winterlichen Ort befindet, der von ihm selbst stets als „das Schloss“ bezeichnet wird. Die Beschreibungen der Umgebung, der Umstände und der Handlung spielen gekonnt mit diversen Märchenmotiven und deuten teils subtil, teils sehr deutlich an, dass an dieser Fantasywelt nicht alles stimmen kann. Stets schwankt man als Leser zwischen Verwirrung und Mitleid, hinterfragt die paranoiden Gedanken des Erzählers und zweifelt einige Seiten später wieder an der Realität der Geschichte. 

Um nichts vorweg zu nehmen, verzichte ich an dieser Stelle auf die Beschreibung des zweiten und dritten Teils, denn jeder Leser sollte diese Reise alleine antreten. Was allerdings zu bemerken ist: der erste Teil im Schloss ist aus der Perspektive des Ich-Erzählers und in Vergangenheitsform geschrieben, der zweite Teil an einem anderen Ort wird zwar immer noch von einem „Ich“ erzählt, diesmal aber in der Gegenwart. Im dritten Teil wechselt der Protagonist den Ort und die Erzählperspektive zwischen dem „Ich“ und der Dritten Person. Beim ersten Wechsel ist es etwas ungewohnt zu lesen, im Nachhinein passt die Wahl der Perspektiven aber sehr gut. 

Motive und Motivation

Durch alle drei Teile ziehen sich neben dem Perspektivwechsel und der sich wandelnden Erzählzeit bestimmte Motive wie beispielsweise Zahlen, mathematische Reihen, der sanfte Wechsel zwischen Phantasie und Realität und vor allem das Hauptmotiv der Flucht. Der Erzähler befindet sich im ständigen Kampf mit sich selbst, seinen Gedanken und den äußeren Umständen, jede Handlung, jeder Gedanke hat am Ende nur ein Ziel: aus der Geschichte zu fliehen. 

„Es war der heimliche Gedanke an eine Flucht, über den ich immerwährend nachdachte; die Flucht von diesem mir unbekannten Ort.“

KRYONIUM, S.1 

Und auch als Leser kann man sich niemals auf der sicheren Seite wiegen. Hat man einmal das Gefühl, alles durchschaut zu haben, ist die nächste Wendung so gut wie vorprogrammiert. Die Erzählung geht um und an die Psyche, sie vermischt Realitäten und Erinnerungen, sie spielt mit dem Erzähler und dem Leser und ist vielleicht am Ende selbst nur ein Spielball. Ein bisschen verrückt ist es allemal. 

„Das Schaukeleinhorn war empört und meinte: Wer tut denn sowas?“

KRYONIUM, S. 201

Die Experimente des Lesers

Da ich das Buch nun in zwei Durchgängen gelesen habe (einmal unwissend, einmal mit dem Wissen um das Ende) kann ich zukünftigen Leserinnen und Lesern möglicherweise ein Experiment mit den „Experimenten der Erinnerung“ empfehlen: lest das Ende zuerst! Wer beim Lesen merkt, dass die Geschichte nicht ins Laufen kommt und man den Erzählfluss aufgrund der vielen offenen Rätsel und Fragen nicht genießen kann, könnte es vielleicht damit versuchen, den dritten Teil ab S. 197 zuerst zu lesen und dann wieder von vorn zu beginnen. Denn obwohl ich beim zweiten Lesen wusste, um „was“ es sich in den ersten beiden Teilen handelt (und auch da kann man sich nicht zu 100 Prozent sicher sein), war es spannend, die Geschichte mit ebenjenem Wissen noch einmal zu durchleben. Wer also dazu neigt, zu viel zu rätseln und dadurch die Details und die Geschichte kaum wahrnehmen kann, schafft sich mit dieser Lesart den Platz im Kopf, den die Erzählung braucht, um sich zu entfalten.

Egal, für welche Reihenfolge man sich nun entscheidet, KRYONIUM ist ein wahnsinnig schönes, sehr philosophisches Buch und definitiv keine leichte Kost. Es braucht allein aufgrund der sprachlichen Feinheiten seine Zeit, um zu wirken. Wer sonst gerne nach einem beendeten Buch gleich das nächste aufschlägt, um sich in eine neue Geschichte zu stürzen, sollte dies ausnahmsweise nicht tun und KRYONIUM noch einige Stunden nachhallen lassen. 

Fans von Filmen wie Shutter Island und Inception oder Büchern von Paul Auster und Paolo Coelho werden voll auf ihre Kosten kommen, aber auch Märchenlesern mit einem Hang zu Dramatik gepaart mit einer Portion düsterer SciFi dürfte KRYONIUM gefallen. 

Weitere Rezensionen:

Bei Booknapping: https://www.booknapping.de/kryonium-von-matthias-a-k-zimmermann/
Bei Phantastisch Lesen: https://phantastisch-lesen.com/kryonium-die-experimente-der-erinnerung-matthias-a-k-zimmermann/
Bei Mitten im 100 Morgenwald: https://www.mittenimhundertmorgenwald.de/project/kryonium/

Literaturverweis:

Zimmermann, Matthias A.K. (2019): KRYONIUM – Die Experimente der Erinnerung. Kulturverlag Kadmos Berlin

Ich habe das Buch vom Verlag als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt bekommen. Vielen Dank dafür!

Ein Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.