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Buchclub | Read with me – „Weit über der smaragdgrünen See“ von Brandon Sanderson

Im Januar haben wir im Fantastic Books Buchclub gemeinsam „Weit über der smaragdgrünen See“ von Brandon Sanderson gelesen. Für viele (mich eingeschlossen) war es das erste Buch von Brandon Sanderson und der Großteil war begeistert! Der Schreibstil ist märchenhaft, die Handlung magisch und das Buch ist auch ohne Vorwissen über das Cosmere (Sandersons Buch-Multiversum) verständlich – wer allerdings weitere Bücher von ihm kennt, wird viele Easter Eggs und Bezüge finden und noch mehr Spaß mit Tress & den weiteren Figuren haben. Diesmal habe ich meinen Leseprozess begleitet und nehme euch in einem kleinen „Read with me“ mit durch das Buch. Es ist mein persönlicher Eindruck direkt beim Lesen und keine Rezension!

Der folgende Artikel enthält massive Spoiler zu „Weit über der smaragdgrünen See“! Lest nicht weiter, wenn ihr das Buch noch nicht beendet habt.

Teil 1 – Auftakt

„Weit über der smaragdgrünen See“ startet märchenhaft. Ich bin sehr begeistert von Sandersons Stil und der Leichtigkeit mit der die Geschichte erzählt wird. Es erinnert mich ein bisschen an „Die Lügenprinzessin“. Ich bin jedenfalls nur so durch die ersten Seiten geflogen, obwohl ich mich oft gezwungen habe, innezuhalten, um mich über die kleinen Details, humorvollen Einschübe und schönen Formulierungen zu freuen.

Sie fühlte sich weniger wie ein menschliches Wesen als wie ein verwesender Mensch.

„Weit über der smaragdgrünen See“, S. 53

Der Übersetzer hat einen tollen Job gemacht!

Es ist mein erster Sanderson, daher erkenne ich (vermutlich) viele der Bezüge, Referenzen und Easter Eggs nicht. Spaß macht es trotzdem!

Ich vermute, dass die Kapitelzierden mit jedem Kapitel weiter wachsen: wir starten mit einer kleinen zierlichen Pflanze (vermutlich einer Sporenranke?), die immer größer wird.

Der erste Teil endet mit einer Mission: Tress will ihren geliebten Charlie retten! Ist also hier ausnahmsweise einmal der männliche Part die „Prinzessin“, die gerettet werden muss?

„Weit über der smaragdgrünen See“ von Brandon Sanderson

Teil 2 – Die Quest beginnt

Es wird spannend! Ich mag es, wie wir als Leser in einem gedanklichen „Austausch“ mit dem Erzähler Hoid stehen. Und hier wird nun auch deutlich, dass die floralen Kapitelzierden wirklich mit jedem Kapitel weiter wachsen! Alles in allem ist die Ausstattung des Buches ein Highlight: Die Einstiegsseite ist liebevoll mit einer s/w-Version des Covers verziert, es gibt ein Lesebändchen (bei der Dicke des Buches Gold wert) und das Cover hat eine Veredelung mit Goldfolie. Die Illustrationen lockern die Erzählung auf und setzen zusammen mit dem Vorsatzpapier den Vibe für das Buch. Mein persönlicher Favorit sind aber die wachsenden Kapitelzierden! Mit jedem Kapitel wächst so nicht nur die Geschichte, sondern auch die Pflanzenranke um die Kapitelnummer.

Kapitelzierde in „Weit über der smaragdgrünen See“

Tress Reise beginnt und ich bin fasziniert von dieser wirren und gleichzeitig in sich so logischen Welt (alle Sanderson-Kenner werden hier jetzt vermutlich laut auflachen). Am liebsten würde ich selbst über das smaragdgrüne Sporenmeer segeln.

Dass wir so schnell von der Insel aufs Boot und dann erneut auf ein Piratenschiff wechseln, damit hätte ich nicht gerechnet. Aber das Tempo der Geschichte gefällt mir, so wie es ist!

Tress ist ein herrlich normaler Charakter, ohne Superkräfte oder ein „Auserwählten-Dasein“ – sie ist irgendwie „eine von uns“ und erlebt das Abenteuer für uns alle mit. Ich finde auch, dass der Erzählstil mit einem Erzähler, der quasi neben dir sitzt und dich vollquatscht, das „Normale“ noch einmal verstärkt. Und dadurch wirken auch alle anderen Dinge (wie die Sporen, das „Meer“ usw.) komplett stimmig und echt.

Ich habe gar nicht das Gefühl, ein Fantasy-Buch zu lesen, sondern von einem aufregenden Abenteuer zu erfahren, das einer gemeinsamen Bekannten untergekommen ist.

Teil 2 endet mit Tress, die es auf das (Piraten-)Schiff geschafft hat.

Teil 3 – Tress wird Piratin!

Darf ich vorstellen? Mein neuer Lieblingssidekick: Huck, die sprechende Ratte. Nachdem ich dachte, dass ich erst einmal keinen anderen Charakter außer der teetassenverrückten Tress (muss noch jemand an eine Mischung aus Ophelia aus „Die Spiegelreisende“ und Alice aus „Alice im Wunderland denken?) ins Herz schließen kann, da kam, sah und siegte der kleine Schiffsnager.

Ich bin gespannt, ob sich Tress mit ihrer ehrlichen und netten Art noch mit weiteren Personen der Schiffsbesatzung anfreunden wird.

Leider kenne ich noch keines der anderen Bücher von Sanderson, aber ich mag es sehr, wie er Momente kreiert. Ein Beispiel: bevor die Ratte Huck Kapitänin Krähe ausspioniert und Tress im Anschluss in Form eines Rollenspiels davon berichtet, erfahren wir durch den Erzähler, dass Huck wenig bis keinen Kontakt mit Menschen hat und deshalb (vermutlich) nicht mit menschlicher Interaktion vertraut ist. Ohne dieses Wissen wäre Hucks Rollenspiel allenfalls seltsam, mit diesem Wissen ist es herzallerliebst – weil er denkt, dass man „das eben so macht“. Momente dieser Art gibt es viele. Und sie sorgen dafür, dass sich jede noch so seltsame Begebenheit ganz normal anfühlt. Falls ihr es nachlesen wollt, die Szene startet auf S. 150 der deutschen Hardcover-Ausgabe (Kapitel 19).

Ich mag es auf jeden Fall, dass Tress am Ende von Teil 3 in die direkte Konfrontation geht und selbstbewusster wird:

Auf Gedeih und Verderb, Tress war jetzt eine Piratin.

„Weit über der smaragdgrünen See“, S. 175

Teil 4 – eine neue Quest und der erste Twist!

Die Teile werden immer länger und die Ranken um die Kapitelnummern wachsen fleißig weiter!

Ich bin noch am Anfang von Teil 4 und schwanke gerade zwischen zwei Theorien: „Huck ist Charlie“ und „Hoid ist Charlie“. Für beide Theorien gibt es gute Argumente, beide sind (vermutlich) mindestens einmal der Zauberin begegnet. Die Frage ist nur: hat die Zauberhin Charlie in eine Ratte verwandelt oder hat sie Charlie den Verstand geraubt?

Das folgende Zitat finde ich wundervoll, weil es so schön beschreibt, wie ich selbst über „fremde Orte“ nachdenke. Was für Bücher & Buchhandlungen es da wohl gibt, und Kaffee!

Sie schob die Gedanken an derart ferne Orte – und die Tassen, die es dort geben musste – fürs Erste aus ihrem Bewusstsein.

„Weit über der smaragdgrünen See“, S. 186

Ca. 40 Seiten weiter und plötzlich schießt Kapitänin Krähe sich in den Kopf. Was zum??? Das Auf und Ab zwischen Spannung & Humor macht das Lesen zu einem abwechslungsreichen Erlebnis!

Ich finde es sehr spannend, dass der Kopfschuss von Krähe gleichsam auch der Startschuss für mehr Wissen über die Welt ist. Wir erfahren endlich mehr über die Sporen (woher kommen sie? wie viele Meere und Monde gibt es?), Sporenfresser und auch über Hoids Fluch sowie Huck – der anscheinend ein Vertrautentier ist.

Neben dem vielen Worldbuilding und Info-Dumping (im positivsten Sinne!) war Teil 4 für mich auch einer der witzigsten Teile bisher. Die kleinen Anekdoten (z.B. über den Kanalsammler) und Ulaam & Hoid sind einfach unschlagbar lustig.

„Weit über der smaragdgrünen See“

Der Teil endet mit einem unerwarteten Twist: Kaptitänin Krähe will Tress als Tauschobjekt nutzen und dem Drachen Xisis als Sklavin vorsetzen – um im Gegenzug von den Sporen geheilt zu werden.

Die Sporenranken um die Kapitelnummern sind nun voll ausgewachsen. Was kommt als nächstes?

Teil 5 – Der Drache & eine neue Kapitänin

Der Humor des Erzählers Hoid ist (neben den entzückend verrückten Charakteren) einfach das, was mich beim Lesen am meisten mitnimmt. Den ständigen pseudo-Dialog zwischen Erzähler und Leser kenne (und liebe) ich sonst nur von Walter Moers bzw. dem Erzähler Hildegunst von Mythenmetz und Terry Pratchett!

Richtig, der Regen. Regen habe ich noch nicht erklärt. […] Wenn ihr zu denen gehört, denen diese Dinge wichtig sind, dann habt ihr mein Mitgefühl. Doch es ist nie zu spät, um eine Persönlichkeit zu entwickeln.

Hoid in „Weit über der smaragdgrünen See“, S. 293

Tress. Das ganz normale besondere Mädchen. Ich mag es sehr, wie hier gezeigt wird, dass jeder eine Begabung für etwas besitzt …

In Wahrheit aber war ihr lediglich noch nie ein Thema begegnet, das interessant oder gefährlich genug gewesen wäre, als dass es sie gereizt hätte.

„Weit über der smaragdgrünen See“, S. 310

… man oft nur leider nicht die Zeit hat, herauszufinden, wo diese genau liegt:

Wie viele Menschen lebten wie sie in Ahnungslosigkeit, weil ihnen die Erfahrungen fehlten, um ihre eigene Existenz ganz auszuloten?

„Weit über der smaragdgrünen See“, S. 313

Es gibt Kapitel, die würde ich am liebsten komplett zitieren, weil sie so viel Anstoß zum Nachdenken geben. Wenn ihr die Möglichkeit habt, das Buch noch einmal zu lesen, tut es. Und achtet dann auf die vielen philosophischen Gedanken, die sich durch den Text ziehen.

„Alles?“, sagte Ann. „Anhand der Vorlieben eines Menschen kann man seinen Charakter bestimmen, Tress. Es ist dasjenige, was uns unterscheidet, weißt du? Wir reden immer darüber, wie wichtig Kultur ist, aber was ist Kultur eigentlich? Es ist nicht die Regierung oder die Sprache oder irgend so ein Mumpitz. Nein, es sind die Dinge, die wir mögen. Spiele, Geschichten, Murmelsammlungen.“

„Weit über der smaragdgrünen See“, S. 322

Das Buch macht auf so vielen Ebenen Spaß! Am Ende von Kapitel 39 steuert die Krähenlied nun endlich auf das Karminmeer zu. Auf eine doppelseitigen Illustration folgt Kapitel 40 und wer genau hinschaut, sieht hier die Veränderung in der Kapitelzierde. Kapitel 39 ist noch voller Ranken.

Kapitelzierde in „Weit über der smaragdgrünen See“

Rund um die Kapitelnummer 40 entsteht jetzt ein neuer Kranz, diesmal mit den spitzen Nadeln, die aus den Karminsporen entstehen, wenn sie mit Wasser in Berührung kommen. Jetzt ist also klar, dass die Kapitelzierden das jeweilige Meer und den Fortschritt der Reise auf diesem dokumentieren: die smaragdgrüne See wurde nun durchquert, jetzt beginnt ein neuer Abschnitt!

Kapitelzierde in „Weit über der smaragdgrünen See“

Was ich mich immer wieder frage (und auch hier werden alle Sanderson-Kenner vermutlich wissend schmunzeln): Hat die Welt von Tress & Co. etwas mit unserer Welt zu tun? Ich bin drüber gestolpert, weil Hoid etwas von „wie durch die Linse eines Studenten, der gerade Experimentalfilme für sich entdeckt hat“ sagte. Das hat mich irgendwie doch verwirrt. Gibt es Filme in dieser Welt? Oder ist das ein Easter Egg / Metahinweis, das / den ich (noch) nicht verstehe?

Endlich! Der Drache!

Wie eine Großmutter, die das Stück Schnur, mit dem das Paket verschnürt war, aufhebt, so schätzen Drachen das Wissen, für Notzeiten eine bestimmte Anzahl leicht zu beeinflussender Kulturen um sich herum zu haben.

„Weit über der smaragdgrünen See“, S. 417

Es folgt der wohl witzigste und klügste Plot Twist / Schachzug, den man sich für Tress hätte wünschen können: Spiegel – Doppelspiegel! Danke, Tress, für diesen Lacher.

„Drache Xisis“, sagte Tress mit heiserer Stimme, „ich bin gekommen, um deinen alten Pakt auszulösen. Zu diesem Zweck habe ich dir diese Sklavin gebracht, damit sie in deinem Reich arbeite.“ Dann zeigte Tress auf Krähe.

„Weit über der smaragdgrünen See“, S. 419

Tress kann den Drachen von sich überzeugen, (die Verhandlung zwischen Tress, Krähe und Xisis ist eine meiner liebsten Szenen im Buch), erhält im Tausch gegen Krähe drei Geschenke und wird am Ende von Teil 5 zur neuen Kapitänin der Krähenlied. What a ride!

Teil 6 – Finale!

Ein neuer Teil und auch ein neues Kapitel im Leben unserer Protagonistin Tress. Wir blicken auf einen rasanten Monat zurück: von der zurückhaltenden Fensterputzerin wurde Tress zur unfreiwilligen Piratin und lenkt nun als Kapitänin die Geschicke eines ganzen Schiffes durch das gefährliche Karminmeer.

Der Wechsel vom Karminmeer zur Mitternachtssee wird auch wieder in den Kapitelzierden deutlich: die harten Kristallnadeln wandeln sich ab Kapitel 58 zu der wabernden dunklen Masse der Mitternachtssporen.

Kapitelzierde in „Weit über der smaragdgrünen See“

Die Wesen, die die Mitternachtssee durchstreifen, finde ich interessant und beängstigend zugleich. Schade, dass nur noch so wenig Buch für so viele spannende Dinge übrig ist!

Tress macht sich bereit für das Finale und begibt sich auf den letzten Teil der Reise direkt in das Hauptquartier der Zauberin. In diesem Teil fühlt es sich sehr nach einer Space-Version von „Der Zauberer von Oz“ an: die böse Hexe des Westens (hier: die Zauberin) wird von Dorothy (hier: Tress) aufgesucht.

Kapitelzierde in „Weit über der smaragdgrünen See“

Das Ende wartet nochmal mit allem auf, was Sanderson an der Tastatur zu bieten hat: Wendungen, Humor, Referenzen zu Klassikern und viele, viele Dinge, denen man zwar auch ohne Vorwissen folgen kann, die aber viel mehr Spaß machen, wenn man andere Werke aus dem Cosmere bereits kennt. Meine Theorie, dass es sich bei Huck um Charlie handelt, wurde bestätigt, ich finde das Ende sehr gelungen und zufriedenstellend. Es ist schön zu sehen, dass ein einfaches Mädchen so über sich hinauswachsen kann und dabei doch seine Wurzeln und seinen Charakter nicht vergisst.

Für mich ist das Buch eine Mischung aus Walter Moers, Terry Pratchett (Erzählweise), dem Klassiker „Der Zauberer von Oz“ (hallo, böse Hexe des Westens) und dem Disney-Film „Der Schatzplanet“ (übrigens zusammen mit „Atlantis“ mein Lieblings-Disney-Film!). Ich mochte es sehr!

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