Geschichte

Geschichte | Die Türmerin von Münster – die Letzte ihrer Art

Die Türmerin von Münster: Hoch oben in der Turmstube von St. Lamberti, mitten in Münster, gibt es seit Hunderten von Jahren sogenannte „Türmer“. Erwähnt werden sie zum ersten Mal im Jahr 1383 in den Urkunden der Stadt.

Der erste weibliche Türmer ist seit 2014 Martje Thalmann, die eigentlich studierte Musikerin ist.

Heute ist die Türmerin von Münster übrigens die Letzte ihrer Art in ganz Deutschland.

St. Lamberti in Münster. Foto: Lilli Immel / geek's Antiques
St. Lamberti in Münster – der Arbeitsort der Türmerin.

Was macht eigentlich ein Türmer?

Die Türmerin von Münster & ihre Aufgaben

Das Türmer-Amt ist – anders als es zunächst aufgrund des Arbeitsortes erscheinen mag – kein kirchliches Amt, sondern eine Art Turmwächterdienst im Auftrag der Stadt selbst. Auf Englisch heißt der Beruf daher auch „Towerkeeper“. Aus dem 75 Meter hohen Sankt Lamberti-Turm soll der Türmer (heute die Türmerin) nach Bränden und Gefahren für die Stadt Ausschau halten. Die Turmstube hat einen direkten Draht zur Feuerwehr und kann somit sofort Bescheid geben, wenn von irgendwo Unheil droht.

Bei Arbeitsbeginn meldet sich die Türmerin daher auch zunächst bei der Feuerwehr und bestätigt ihren Dienstantritt.

Der Turm von St. Lamberti. Arbeitsort der Türmerin von Münster. Foto: Lilli Immel / geek's Antiques
Der Turm der St. Lamberti in Münster. Dort oben sitzt die Türmerin.

Das Tuten mit dem Türmer-Horn

Außerdem sorgt der Türmer bzw. die Türmerin für das Signal, das in der ganzen Stadt zu hören sein soll. Das sogenannte „Tuten“ zwischen 21 Uhr und Mitternacht könnt ihr jede halbe Stunde hören. Die Türmerin bläst dafür das Türmer-Horn, um zu signalisieren, dass alles in Ordnung ist. Der erzeugte Ton ist ein tiefes C. Das Geräusch erinnert ein wenig an ein Nebelhorn und trägt besonders in dunklen, nebelverhangenen Herbstnächten zu einer schaurig-schönen Stimmung in der Stadt bei.

In ihrer bisherigen Dienstzeit konnte die Türmerin mehrere Brände in der Stadt frühzeitig erkennen und melden – im Fall der Fälle benachrichtigt sie zuerst die Feuerwehr und gibt dann ein von der üblichen Tonfolge abweichendes Staccato-Signal vom Turm aus.

St. Lamberti in Münster. Foto: Lilli Immel / geek's Antiques
St. Lamberti-Seitenschiff

Das heutige Horn der Türmerin wurde 1950 angefertigt und ist ein Nachbau des alten Türmer-Horns aus dem 16. Jahrhundert. Das Türmer-Horn darf von niemandem außer dem aktuellen Amtsträger geblasen werden. Martje Thalmann hatte daher auch keine Chance, das Tuten vorher in irgendeiner Form zu üben!

Das Tut-Signal wird jeweils in alle Himmelsrichtungen geblasen: Richtung Prinzipalmarkt und Lambertusbrunnen im Süden, gen Domplatz im Westen, zum Drubbel im Norden… nur im Osten ertönt kein Tuten, denn einer Legende zufolge hat es dort einmal ein Friedhof gegeben. Und die Totenruhe soll bekanntlich nicht gestört werden…

Mehr dazu könnt ihr hier nachlesen: Klassiker | Die gruselige Geschichte von Goethes Totentanz & der Türmerin von Münster

1 Uhr und alles in Ordnung!

An dieser Stelle ein kleiner Insider für alle Kenner & Liebhaber des Robin-Hood-Disney-Films: im Prinzip macht die Türmerin genau den Job, den die Wache bei Robin Hood mit dem Zitat „1 Uhr nachts und alles in Ordnung!“ (im Original: „1 o’clock and all is well“) übernimmt.

„Beiern“ der Ratsglocke

Eine weitere Aufgabe, die der Türmerin obliegt, ist das Läuten der Ratsglocke, wenn der Oberbürgermeister der Stadt vereidigt wird. Den Vorgang des Läutens nennt man „beiern“.

St. Lamberti in Münster. Foto: Lilli Immel / geek's Antiques
Der Kirchplatz mit dem Lambertusbrunnen vor St. Lamberti in Münster. In diese Richtung bläst die Türmerin, wenn sie ihr Horn nach Süden richtet.

Die Turmtür – wie kommt die Türmerin von Münster eigentlich in den Turm?

Der Eingang zum Lambertikirchturm befindet sich seitlich in Richtung Drubbel gewandt, leicht versteckt und ganz unscheinbar: eine braune Holztür mit Eisenbeschlägen. Lediglich die Wandtafel mit dem Türmersymbol lässt vermuten, dass hier wohl der Eingang zu finden ist.

Eingang zum Turm der St. Lamberti.

Die Sandsteinplatte mit dem Nachtwächter wurde übrigens erst 2006 dort angebracht. Auf dem Steinrahmen der Tür sitzt außerdem eine der kleinen Korkfiguren, die es überall in Münster gibt – eine Mini-Türmerin mit Horn!

Hinter der Tür geht es in einem engen, spiralförmigen Treppenhaus 300 Stufen und 75 Meter nach oben, bis man (bzw. Frau Türmerin) in der Türmerstube angekommen ist.

Keine Besichtigungen, aber ein Blog

Da im Turm der St. Lamberti-Kirche keine Besichtigungen möglich sind, nimmt die Türmerin uns netterweise in ihrem Türmerin-Blog mit und lässt uns an der Weiterführung der uralten Tradition teilhaben: www.tuermerinvonmuenster.de

Und so spart man sich auch die 300 Stufen, die Martje Thalmann jeden Tag nach oben steigen muss, um einen der ältesten & den wohl seltensten Job Deutschlands auszuüben.

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