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Rezension | Martin Thomas Pesl – Das Buch der Schurken

[Rezensionsexemplar] Wer ist der schlimmere Bösewicht im Harry-Potter-Universum? Die zuckersüß-sadistische Dolores Umbridge oder doch Lord Voldemort, das nasenlose Grauen? Kann die Herzkönigin es in Sachen Abscheulichkeit mit Fräulein Knüppelkuh aufnehmen? Und was haben eigentlich Moby Dick und Shir Khan gemeinsam? Martin Thomas Pesl versammelt auf 256 Seiten die „100 genialsten Bösewichte der Weltliteratur“ und folgt dabei nicht immer dem zu erwartenden Muster. Werfen wir also einen Blick auf die Bösesten der Bösen: die Schurken aus Literatur, Mythologie und erzählender Dichtung.

Von Egoschweinen, Psychopathen und verrückten Wissenschaftlern
Aus einer Kolumne für das österreichische Magazin WIENER, in der Pesl von 2008 bis 2015 den Lesern humoristisch, kurz und knapp Klassiker der Weltliteratur vorstellte, wurde die Idee geboren, sich in einem Buch der besonderen Charaktersorte der Schurken zu widmen. Das kleine Nachschlagewerk ist in zwölf Kategorien unterteilt, in denen sich die Antagonisten in ihrer Bosheit den Rang ablaufen: Egoschweine und verrückte Wissenschaftler mit Hang zum Wahnsinn treffen auf Psychopathen, Despoten und etwas fragwürdige Erziehungsberechtigte. Neben den klassischen Bösewichten begegnen uns auch unbekannte, aber nicht weniger fiese literarische Schurken und Schurkinnen. Denn ja, auch die Weiblichkeit ist in der Szene vertreten, wenn auch nicht im selben Ausmaß wie die Herren der Schöpfung. In der Literatur ist das Böse bisher eben eher maskulin. Zu guter Letzt gibt es da auch noch die, die weder Männlein noch Weiblein oder überhaupt von menschlicher Natur sind: die Monster, Wesen und Schreckgestalten, die das Lesen erst zu einem richtigen Vergnügen machen.

Denn wer liebt sie nicht, die Bösen, die Undurchschaubaren, die Strippenzieher im Hintergrund? Sie verpassen jedem Werk die nötige Würze und geben dem Leben der Helden erst einen Sinn! Was wäre Tolkiens „Der Herr der Ringe“ ohne Sauron und seine dunklen Heerscharen? Ein nettes Kaffeekränzchen im Auenland und ein friedliches Nebeneinander der Völker Mittelerdes? Langweilig! Dank Sauron kommt erst Schwung in die Geschichte, auch wenn er selbst nur als dunkle Bedrohung über allem schwebt. Egal ob böse Stiefmütter (Gebrüder Grimm), die Westhexe aus Oz (L. Frank Baum), Graf Dracula (Bram Stoker) oder die bürokratieversessenen Vogonen aus Douglas Adams‘ „Per Anhalter durch die Galaxis“ – das Böse hat viele Gesichter.

Altbekannte Schurken und neue Fieslinge
Mit lustigen Anekdoten, Hintergrundinformationen und Fakten zu Autor, historischem Kontext und Adaptionen stellt Pesl die unterschiedlichsten Schurken vor. Wir lernen beispielsweise, dass Captain Hook in der ersten deutschen Übersetzung noch Kapitän Haken hieß und dass das Fräulein Rottenmeier aus „Heidi“ am liebsten bewaffnet mit Lebertran und Turmfrisur auf ihre Zöglinge losgeht. Garniert wird jeder Beitrag mit einer netten Illustration von Kristof Kepler und einem Steckbrief, in dem unter anderem Stärken, Schwächen, Waffen und Erzfeinde der Bösewichte aufgeführt werden.  Als kleines Plus kann man am Ende in eine vorgefertigte Liste sein eigenes Schurkenranking eintragen. Besonders hilfreich, wenn man einen bestimmten Charakter sucht, sind das umfangreiche Literaturverzeichnis am Ende und die Auflistung aller behandelten Schurken nach Kategorie.

Das Büchlein ist kurzweilig geschrieben, lehrreich und amüsant. Es lässt sich in einem Rutsch durchlesen oder – wie ich eher empfehlen würde – portionsweise zum Frühstück verschlingen, um mit dem „Schurken des Tages“ und einem Schmunzeln in den Morgen zu starten. Man blättert sich durch, entdeckt fast vergessene Schurken aus Kindheitstagen wieder oder stößt überrascht auf einen interessanten Anti-Helden, den man noch gar nicht kannte. Egal wie man es liest, das Buch macht Lust, die alten Klassiker erneut auszupacken und den Fieslingen in den dazugehörigen unbekannteren Werken einen Besuch abzustatten.

Ich vergebe deshalb 5/5 Leseeulen.

Literaturverweis (broschierte Ausgabe):
Pesl, Martin Thomas (2018): Das Buch der Schurken. Die 100 genialsten Bösewichte der Weltliteratur. München: btb

Buchdaten:
Einband: broschiertes Taschenbuch
Seitenzahl: 256
Erscheinungsdatum: 09.01.2018
Sprache: Deutsch
Verlag: btb
ISBN: 978-3-442-71603-6

Ich habe dieses Exemplar von btb als Rezensionsexemplar erhalten. Vielen Dank dafür! Die Buchdaten sind der Verlagshomepage entnommen.

© geek’s Antiques by Lilli
lilli (at) geeksantiques.de
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