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Rezension | J.K. Rowling – Ein plötzlicher Todesfall

Joanne K. Rowlings Buch „Ein plötzlicher Todesfall“ erschien als deutsche Ausgabe im September 2012 im Carlsen-Verlag. Mit dem Roman entfernt sich Rowling erstmals von ihrem Image der Kinderbuchautorin und wagt einen Schritt in Richtung Erwachsenenliteratur. Doch worum geht es in „A Casual Vacancy“ eigentlich? Was zeichnet das Buch aus? Und für welche Zielgruppe ist es zu empfehlen? Eine Buchrezension.

Zugegeben, als ich das Buch kaufte, hatte ich mich vorher in keinster Weise mit dem Inhalt beschäftigt, der da auf mich zukommen würde – noch nicht mal den Klappentext hatte ich gelesen. Meine Beweggründe waren schiere Neugier und Experimentierfreude. Neugier deshalb, weil ich gespannt darauf war, was J.K. Rowling wohl nach den Harry-Potter-Romanen literarisch leisten würde und Experimentierfreude, weil ich schon lange keinen Nicht-Fantasy-Roman mehr gelesen hatte und gespannt auf Rowlings „Erwachsenen-Geschichte“ war. Zudem versprach das Buch mit 576 Seiten ein langes Lesevergnügen und so kaufte ich zum ersten Mal blind ein Buch.

Das Buch beginnt mit dem unglücklichen Tod des Gemeinderatsmitglieds Barry Fairbrother. Noch bevor der arme Kerl ganz unter der Erde ist, entbrennt in dem fiktiven Dorf Pagford ein erbitterter kalter Krieg um den nun freigewordenen Sitz im Gemeinderat. Der Konflikt schaukelt sich langsam hoch und schon bald geht es um mehr als nur um den vakanten Posten…

Schon auf den ersten Seiten wird klar: dieses Buch, der Stil, das Thema – nichts davon hat auch nur entfernte Ähnlichkeit mit dem Zauber von Harry Potter. Und das liegt nicht (nur) an der Abwesenheit von Magie und dem tristen Setting der Handlung. Die Sprache ist direkt, teilweise obszön und vulgär. Für jemanden wie mich, der nicht darauf vorbereitet war, ist das ein schwungvoller Sprung ins kalte Wasser. Die gewöhnungsbedürftige Sprache mag vielleicht dazu beigetragen haben, dass ich nach ca. 100 gelesenen Seiten bei jedem Umblättern teilweise angewidert darüber nachdachte, das Buch wegzulegen und nicht mehr weiter zu lesen. (Bereits an dieser Stelle sei gesagt: es lohnt sich dennoch!)

Wer bin ich und wenn ja, wie viele?

Es lassen sich gerade auf den ersten 200 Seiten genügend andere Gründe für den eher schleppenden und langwierigen Beginn der Geschichte finden:

J.K. Rowling führt so viele Protagonisten ein, ersinnt so viele verschiedene Handlungsstränge, Neben- und Hintergrundgeschichten, dass man anfangs komplett den Überblick verliert. Auch das Zurückblättern und Nachlesen bringt in der Regel nichts, da es sein kann, dass die letzte Erwähnung der gesuchten Person bereits 60 Seiten zurückliegt. Die Einordnung der vorgestellten Figuren in die verschiedenen Familienverhältnisse, Liebschaften, politischen Lager und Arbeitsverhältnisse fällt zu Beginn besonders schwer und die diversen Spitznamen und diffamierenden Rufnamen tun ihr Übriges. Ich selbst bin eine Leserin, die gerne eine emotionale Bindung zu einem oder mehreren der Charaktere aufbaut und genau das ist mir bis zum letzten Drittel des Buches aufgrund der fehlenden persönlichen Tiefe nicht wirklich gelungen.

Zu diesem Zeitpunkt (sprich nach dem ersten Drittel des Buches) hätte ich ohne mit der Wimper zu zucken 1 Stern vergeben und das Buch weggelegt. Glücklicherweise habe ich das nicht getan und mich gezwungen durchzuhalten.

Ein unschönes Spiegelbild

Im Mittelteil wird das Buch deutlich besser, die Geschichte gewinnt an Fahrt und man hat sich langsam an die anstößige Sprache und die vielen Hauptfiguren gewöhnt. An dieser Stelle gelang es mir auch langsam, eine Art Bindung zu einigen Charakteren aufzubauen und mit ihnen dem Ende entgegen zu fiebern. Ist man ehrlich zu sich selbst, dann erkennt man sogar ein paar der eigenen negativen Eigenschaften in den nun sehr detailreich beschriebenen Figuren wieder. Auch wenn man das manchmal vielleicht gar nicht möchte.

Nach dem zweiten Drittel hat sich das Buch dann offenkundig zu einer sehr ehrlichen Milieustudie entwickelt, die schonungslose Einblicke in das Innere des Dorfes und der Bewohner bietet. Zu diesem Zeitpunkt hätte ich bereits 3 Sterne vergeben.

Im letzten Drittel des Buches entwickelt sich die Geschichte so rasant, dass es mir schwerfiel, das Buch wegzulegen – ein absoluter Kontrast also zum Anfang. Das fulminante Ende kommt überraschend, alles spitzt sich sehr schnell zu und der Verlauf der Geschichte nimmt noch einmal eine nicht wirklich vorhersehbare Wendung. Die vielen Handlungsstränge führt Rowling zum Schluss (wie auch schon bei den Harry-Potter-Romanen) meisterhaft zusammen und sogar kleine, unscheinbare Gegenstände, die man schon fast vergessen hatte, tauchen am Ende in einer ganz neuen Rolle wieder auf. Da ich im letzten Drittel des Buches endgültig Partei für einige Charaktere ergriffen hatte, hat mich das Ende sehr berührt und mich auch Tage danach immer wieder zum Nachdenken gebracht.

Liebe, Hass und rohe Gewalt

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Sprache sehr derb, roh, anstößig und gewöhnungsbedürftig erscheint und der Roman sprachlich betrachtet eher nicht für zartbesaitete Leser zu empfehlen ist.

Auch die behandelten Themen wie Hass, Verachtung, rohe Gewalt, Missbrauch, Intrigen, Sex und Drogen und das quer durch alle gesellschaftlichen Schichten sind teilweise schwer zu verdauen. Da die ehrliche, schonungslose und bittere Darstellung der Gegebenheiten überwiegt, würde ich jedem Leser mit depressiven Neigungen von diesem Buch abraten.

Für alle mutigen Leser gilt: das Buch ist wirklich schwere Kost, die Geschichte gut erzählt (obwohl sie ein wenig Zeit braucht, um anzulaufen) und die deutliche Sozial- und Gesellschaftskritik regt zum Nachdenken an. Rowling hält dem Leser und der Gesellschaft einen Spiegel vor und zeigt uns ein Bild, das wir zwar sehen sollten, aber schlichtweg nicht sehen WOLLEN. Wagt man dann doch einen Blick in das unangenehme Spiegelbild, kann man sich ganz offen selbst betrachten und vielleicht die ein oder andere Eigenschaft hinterfragen. Das Buch hat mich persönlich dazu gebracht, über mich selbst, mein Verhalten und Beweggründe anderer Menschen anders nachzudenken als ich es bisher getan habe.

Deshalb: absolute Leseempfehlung!

Literaturverweis (gebundene Ausgabe): 

Rowling, Joanne K. (2012): Ein plötzlicher Todesfall. Hamburg: Carlsen.

Buchdaten (zur Taschenbuchausgabe, die gebundene Ausgabe ist vergriffen):
Einband: Taschenbuch
Seitenzahl: 576
Altersempfehlung: ab 14 Jahre
Erscheinungsdatum: 02.12.2013
Sprache: Deutsch
Originaltitel: A Casual Vacancy
Verlag: Ullstein
ISBN: 978-3-548-28528-3

© geek’s Antiques by Lilli
lilli (at) geeksantiques.de
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