Kinokarten für Astrid. Foto: Lilli/geek's Antiques
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Filmreview | Astrid (orig. Unga Astrid)

[Pressekarten] Astrid Lindgren – als geistige Mutter von Pippi, Michel, Ronja, Madita, Mio, den Kindern aus Bullerbü und Saltkråkan und unzähligen anderen ist sie die wohl bekannteste und beliebteste Kinder- und Jugendbuchautorin der Welt. Doch die wenigsten Menschen wissen um die schwierigen, traurigen und doch prägenden Zeiten im Leben der schwedischen Schriftstellerin. Mit gerade einmal achtzehn Jahren wurde sie unverheiratet schwanger, musste ihr Kind heimlich im Rigshospitalet in Kopenhagen zur Welt bringen und für drei Jahre bei einer dänischen Pflegemutter verstecken. Um diese Zeit geht es in dem dänisch-schwedischen Kinofilm „Astrid“ (Regie: Pernille Fischer Christensen). Der Film kam am 6. Dezember in die deutschen Kinos.

Das echte Leben der Astrid Lindgren
Astrid Anna Emilia Ericsson wuchs nach ihrer Geburt 1907 auf dem schwedischen Hof Näs auf und verlebte nach eigenen Erzählungen eine fröhliche und glückliche Kindheit. Sie ging in Vimmerby für drei Jahre zur Schule (was damals der üblichen Schulzeit für Kinder „einfacher Leute“ entsprach) und sollte danach auf dem elterlichen Hof arbeiten. Aufgrund ihrer Begabung für das Schreiben und verschiedene Sprachen schickten ihre Eltern sie jedoch für sechs weitere Jahre auf die weiterführende Schule, die sie mit einem Realexamen verließ. Dank eines glücklichen Zufalls konnte sie im Anschluss als Volontärin bei der örtlichen Zeitung „Vimmerby Tidning“ anfangen und das Journalistenhandwerk erlernen.

Aus einer unehelichen Beziehung mit dem wesentlich älteren und verheirateten Chefredakteur ebenjener Zeitung ging der Sohn Lasse hervor, was die achtzehnjährige Astrid im prüdhven Schweden der 1920er Jahre vor eine Menge Probleme stellte. Der Film legt den Fokus vor allem auf die Entwicklung Astrids: vom jungen Mädchen auf dem Lande zur alleinerziehenden, berufstätigen Mutter in Stockholm.

Die Film-Astrid: verrückt, exzessiv und etwas schräg

„Hallo Astrid, ich frage mich, warum du so gut darüber schreiben kannst, wie es ist, ein Kind zu sein, obwohl deine Kindheit schon so lange her ist“

In einem Brief an die alte Astrid Lindgren (gespielt von Maria Fahl Vikander) zu ihrem 90. Geburtstag fragt ein kleiner Junge nach der Inspiration für die zahlreichen Geschichten über fröhliche, mutige und rebellische Kinder. Begleitet von weiteren Briefen, Zeichnungen und Kassetten-Aufnahmen von Schülerinnen und Schülern beginnt eine Reise in die Vergangenheit der Autorin. Wir landen in den Zwanzigern, auf einem Tanzfest im Gemeindehaus von Vimmerby in der schwedischen Provinz Småland. Schon hier wird deutlich, dass die noch minderjährige Astrid Ericsson (gespielt von Alba August) alles andere als normal ist: da keiner sie zum Tanz auffordert, tanzt sie einfach allein. Verrückt, exzessiv und etwas schräg. Im weiteren Verlauf des Films fängt Astrid bei der Zeitung an, schneidet sich entgegen aller Konventionen die Haare kurz und beginnt eine Affäre mit ihrem Vorgesetzten.

Als sie schwanger wird, sind die Eltern entsetzt. Astrid zieht nach Stockholm, um eine Lehre als Sekretärin zu beginnen und ihre Schwangerschaft vor den Nachbarn und der Ortskirche zu verbergen. Ihr Kind bringt sie heimlich in Kopenhagen zur Welt und lässt es schweren Herzens bei einer Pflegemutter. Wen bis hierhin die herzzerreißenden Szenen noch nicht zum Weinen gebracht haben, der wird spätestens jetzt zum Taschentuch greifen: ganze drei Jahre muss Astrid ihren Sohn Lasse in Dänemark verstecken, bevor sie ihn als berufstätige junge Frau zu sich nach Stockholm holen kann.

Kinokarten für Astrid. Foto: Lilli/geek's Antiques

Alba August als Astrid Ericsson
Wenn die Medien schreiben, dass Alba August „als Astrid glänzt“, ist das ausnahmsweise nicht die übliche Arthouse-Lobeshymne des Feuilletons, sondern wirklich zutreffend. In den nahezu vier Jahren, die die Handlung des Films umfasst, reift Astrid, muss vieles durchmachen und immer wieder für ihre Vorstellung eines Lebens in Freiheit kämpfen. Alba August verkörpert den Tatendrang und die Emotionalität der jungen Astrid Ericsson so überzeugend, dass die Nominierung für den schwedischen Filmpreis „Guldbagge“ als Beste Hauptdarstellerin absolut zu erwarten war. Mit Alba August haben die Produzenten eine passende Besetzung gefunden, die den Film mühelos alleine trägt und die anderen Darsteller fast als Beiwerk erscheinen lässt. Der Film ist trotz des Fokus auf die junge Astrid weder eine klassische Coming-of-Age-Geschichte noch ein Biopic, sondern ein historisches Melodrama über die prägenden Jahre der erfolgreichsten Kinderbuchautorin der Welt.

Das Bullerbü-Syndrom
Hätte Astrid Lindgren diesen Film gewollt? Ein klares „Nein“ ist hier wohl die Antwort. Die Autorin war stets bemüht, den schmählichen Teil ihrer Geschichte von der Öffentlichkeit fernzuhalten und auch ihre Tochter ist überzeugt, dass ihre Mutter dem Film nicht zugestimmt hätte. Aber brauchen wir diesen Film? Ich denke ja. Denn nur so wird aus der Heldin unser aller Kindheit die reale Frau mit Mäkeln und Fehlern, die Astrid Lindgren wirklich war. Nicht zuletzt dank ihrer Bücher und der Verfilmungen ebenjener leiden viele Menschen am sogenannten „Bullerbü-Syndrom“. Das im Schwedischen als „Bullerbysyndromet“ bezeichnete Phänomen beschreibt ein stereotypes und romantisch-idealisiertes Schwedenbild, das viele Deutsche haben. Der Film räumt mit diesen Klischees auf und zeigt eine andere Seite – sowohl von Lindgren als auch dem Schweden der 1920er Jahre.

Dabei geht es jedoch nicht darum, die Schriftstellerin post mortem als schlechten Menschen voller Fehler zu präsentieren, sondern ein realistisches Bild des Mädchens zu zeichnen, das später zu einer weltbekannten Autorin wurde. Und eines wird besonders deutlich: nicht nur ihre eigene glückliche Kindheit auf dem Land, sondern auch die Trennung von ihrem Sohn Lasse und der damit verbundene Schmerz waren eine wichtige Inspiration für Lindgrens spätere Kinderbücher. Erinnern wir uns beispielsweise an Pippi Langstrumpf, die als starkes Mädchen ganz ohne Mutter aufwächst oder an den Waisenjungen Bosse, der als Prinz Mio ein ganzes Königreich rettet.

Lindgren-Fans müssen also keine Angst haben, dass der Film das Bild ihrer geliebten Autorin zerstört. Vielmehr liefert Alba August als Astrid uns nur weitere Gründe, Lindgrens Werk und ihre Bücher als das zu sehen, was sie sind: kleine Kunstwerke aus der Feder einer liebenden Mutter und großartigen, unabhängigen und mutigen Frau.

Ich habe die Karten als Pressekarten erhalten und den Film im Schlosstheater Münster (Cineplex Gruppe) gesehen.

© geek’s Antiques by Lilli
lilli (at) geeksantiques.de
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